Tom Irschina ist aktiver Tätowierer, Gewinner von über 50 Convention-Awards und Gründer der 7er Ink Academy in Bad Wörishofen. Im Interview spricht er offen darüber, wie alles angefangen hat, welche Fehler er gemacht hat, warum er heute lehrt – und was die Artists voneinander unterscheidet, die es schaffen.
Wie hat alles angefangen? Wann war der Moment, in dem du wusstest: Das wird mein Beruf?
Angefangen hat alles mit meinem ersten eigenen Tattoo im Alter von 24 Jahren. Dieses Tattoo habe ich mir in Ungarn stechen lassen, weil die Preise dort deutlich günstiger waren als in Deutschland. Später ließ ich die Arbeit auf der Tattoo Convention in München vervollständigen – und zahlte dort für etwa die Hälfte der Arbeit mehr als das Doppelte des ursprünglichen Preises.
An diesem Abend entstand eher aus Spaß eine Idee: Wenn Tattoos so teuer sind – warum machen wir das nicht selbst? Gemeinsam mit meiner damaligen Partnerin bestellte ich günstiges Tattoo-Equipment über eBay. Wir begannen, auf Schweinehaut zu üben. Was zunächst als pragmatische Lösung gedacht war, entwickelte sehr schnell eine eigene Dynamik. Mich hat das Tätowieren sofort gepackt.
Mein Ziel wurde klar: Ich wollte realistische Motive tätowieren können. Damals gab es kaum strukturierte Lernmöglichkeiten – weder hochwertige Online-Kurse noch Social-Media-Tutorials. Die einzige Wissensquelle waren Internetforen, in denen Anfänger voneinander gelernt haben. Trotzdem begann ich, täglich zu üben und mich intensiv weiterzuentwickeln.
Es war also kein klassischer Kindheitstraum. Es war eine Entwicklung: aus Neugier wurde Fokus, aus Fokus wurde Leidenschaft – und daraus ein Beruf. Heute, 16 Jahre später, ist daraus ein großes Tattoo-Business geworden.
Dein erster Convention-Award nach nur 18 Monaten – wie kam das? Das klingt extrem schnell.
Die ersten sechs Monate habe ich von zu Hause aus tätowiert. Danach eröffnete ich mein erstes eigenes Studio und arbeitete dort etwa ein Jahr. Anschließend musste ich das Studio wechseln, weil die räumlichen Bedingungen langfristig nicht tragbar waren – es gab keine Heizung, nur einen Ofen. Im Winter war das keine Lösung. Also zog ich in eine andere Stadt und begann dort praktisch bei Null.
Kurz darauf nahm ich an meiner ersten Convention teil – in Moosburg. Dort gewann ich direkt zwei Preise: Best of Show und Best of Small. Es war keine riesige Convention, sondern eine kleinere Veranstaltung. Trotzdem war dieser Moment für mich enorm bedeutend. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit Mikrorealismus – mein Fokus lag darauf, möglichst viele Details auf kleinstem Raum umzusetzen.
Dass genau diese Arbeit von der Jury ausgezeichnet wurde, war für mich völlig unerwartet. Besonders herausfordernd war die Situation, weil ich als vergleichsweise neuer Tätowierer zwischen vielen erfahrenen Artists stand. Die Tattoo-Szene ist traditionell eher geschlossen. Der Gewinn hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben – und ab diesem Punkt wurde mein Anspruch höher.
Was war dein größter Fehler am Anfang?
Mein größter Fehler war eindeutig meine Ungeduld. Ich habe viel zu früh begonnen, auf echter Haut zu tätowieren. Ich habe anfangs auf Schweinehaut geübt, wie viele Einsteiger – aber das Material war schwierig: es hat unangenehm gerochen, ist schnell ausgetrocknet und wurde dann hart wie Leder. Im Vergleich dazu war echte Haut deutlich angenehmer. Es funktionierte besser, machte mehr Spaß – und genau deshalb bin ich zu früh diesen Schritt gegangen.
Das Problem daran: Man lernt zwar schneller – aber auf Kosten anderer Menschen. Viele der Arbeiten aus dieser frühen Phase entsprechen heute nicht mehr meinem Qualitätsanspruch. Und die Menschen tragen diese Tattoos ein Leben lang. Das ist eine Verantwortung, die man als Anfänger oft unterschätzt.
Der zweite große Fehler hing direkt damit zusammen: Ich wollte unbedingt der Erste sein, der in meiner Heimatstadt Weilheim in Oberbayern ein Tattoo-Studio eröffnet. Also habe ich alles darangesetzt, möglichst schnell zu eröffnen. Rückblickend war das zu früh. Eigentlich hätte ich noch ein bis zwei Jahre länger üben müssen. Im Studio kamen schnell komplexe Anfragen, für die mir damals noch die Erfahrung fehlte.
Meine klare Empfehlung heute: Niemand sollte zu früh auf echter Haut tätowieren. Anfänger lernen zwar schnell durch Praxis – aber die Konsequenzen tragen am Ende die Kunden.
Warum die Akademie? Du tätowierst aktiv und hast eine Warteliste. Warum investierst du Zeit ins Unterrichten?
Der Ursprung liegt im Jahr 2020 – in der Corona-Zeit. Schon davor hatte ich mehrere Seminare im Bereich Persönlichkeitsentwicklung besucht: Psychologie, Kommunikation, persönliches Wachstum. Dabei habe ich immer wieder Coaches erlebt, die ihr Wissen weitergegeben haben. Das hat mich beeindruckt – ich konnte mir damals schon vorstellen, selbst irgendwann in dieser Rolle zu sein.
Parallel dazu startete ich einen YouTube-Kanal – ursprünglich als reine Marketingstrategie. Anfangs produzierten wir unterhaltungsorientierte Inhalte, aber relativ schnell wurde klar: Wissensvideos funktionieren deutlich besser. Also begannen wir, Inhalte rund ums Tätowieren zu erklären.
Kurz darauf kam die erste konkrete Anfrage: Jemand wollte persönlich bei mir lernen. Anfangs habe ich das abgelehnt. Die Person blieb hartnäckig – und während eines Aufenthalts im Disneyland Paris hat mir meine damalige Partnerin gesagt: „Das passt perfekt zu dir. Du solltest das machen." Innerhalb eines Monats entstand die komplette erste Struktur der Tattoo-Akademie – Handbücher, Kurskonzept, Lernstruktur, Seminarplan.
Was mir mit der Zeit klar wurde: Der Aufbau neuer Konzepte hat mir mehr Freude gemacht als das regelmäßige Wiederholen derselben Inhalte. Nach etwa drei Jahren habe ich die Live-Seminare beendet und auf strukturierte Online-Kurse mit Live-Calls umgestellt. Heute läuft die Akademie vollständig digital – das entspricht deutlich stärker meiner Arbeitsweise.
Was unterscheidet Artists, die langfristig erfolgreich sind, von denen, die nach zwei Jahren wieder aufgeben?
Der entscheidende Unterschied ist fast immer die Motivation. Artists, die langfristig bleiben, arbeiten aus echter Leidenschaft. Sie tätowieren nicht in erster Linie wegen Geld oder Lifestyle, sondern weil sie das Tätowieren wirklich beherrschen wollen. Diese innere Motivation sorgt automatisch dafür, dass sie mehr üben, länger dranbleiben, Rückschläge aushalten und sich technisch weiterentwickeln.
Ganz anders ist es bei Menschen, die einsteigen, weil sie gehört haben: man verdient schnell viel Geld, man arbeitet selbstständig, man hat keinen Chef. Diese Erwartung ist in vielen Fällen falsch. Tätowieren ist ein handwerklich-künstlerischer Hochpräzisionsberuf mit direkter Verantwortung am Menschen. Wer nur wegen Geld einsteigt, investiert meistens nicht genug Zeit in Technik und Entwicklung. Dann passiert fast immer dasselbe: Motivation sinkt, Fortschritt stagniert, Kunden bleiben aus, Frustration steigt.
Langfristig setzen sich fast immer diejenigen durch, die Tätowieren nicht als schnellen Karriereweg sehen – sondern als Handwerk, das man über Jahre aufbaut.
Was würdest du jemandem sagen, der heute – im Jahr 2025 – mit Tätowieren anfangen will, trotz des großen Wettbewerbs?
Wenn heute jemand mit Tätowieren anfangen will, dann reicht es nicht mehr, nur Künstler oder Handwerkler zu sein. Man muss Unternehmer werden. Früher konnte es funktionieren, sich ausschließlich auf Technik und Stil zu konzentrieren. Heute funktioniert das alleine nicht mehr. Sichtbarkeit entscheidet inzwischen genauso stark über Erfolg wie Qualität.
Das bedeutet konkret: Wer heute startet, muss zusätzlich lernen, Social Media strategisch zu nutzen, das eigene Gesicht zu zeigen, Vertrauen aufzubauen, eine klare Positionierung zu entwickeln und unternehmerisch zu denken. Talent allein reicht nicht mehr.
Besonders große Studios arbeiten inzwischen strukturiert mit Content-Systemen, Social-Media-Strategien, KI-gestützter Planung und klarer Markenkommunikation. Wer sich ausschließlich auf seine Kunst verlässt, wird in diesem Umfeld schnell übersehen – selbst wenn die Arbeit technisch gut ist.
Deshalb gilt heute mehr denn je: Man muss bereit sein, die Extra-Meile zu gehen. Früher hat gutes Tätowieren gereicht. Heute braucht gutes Tätowieren ein System dahinter.
Tom unterrichtet in der 7er Ink Academy – von Grundlagen über Realism bis hin zu Business-Aufbau. Alles ist in einem einzigen Ausbildungspaket enthalten. Besonderheit: Inklusive im Paket sind wöchentliche Live Calls direkt mit Tom – du kannst Fragen stellen, deine Arbeiten zeigen und bekommst persönliches Feedback. Diese Kombination aus strukturiertem Kurs und direktem Zugang zum Trainer ist derzeit einmalig im deutschsprachigen Raum. Mehr dazu auf der Live Calls Seite.